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Full text of "Heinrich Dernburg; ein Vortrag"

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< Heinrich Dernburg 



Ein Vortrag 



von 



Dr. Theodor Kipp 

Geheimem Justizrat, ordentlichem Professor an der Universität Berlin 



Leipzig 

A. Deichert'sche Verlagsbuchhandlg. Nachf. 
(Georg Böhme) 

1908 




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Alle Rechte vorbehalten. 



MAY 1 0 1927 



BK2004 



Vorwort. 



Der nachfolgende Vortrag wurde gehalten am 
8. Februar 1908 in einer dem Gedächtnis Heinrich 
Dernburgs gewidmeten Versammlung der Berliner 
Juristischen Gesellschaft 

Theodor Kipp. 



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Hochansehnliche Versammlung! 



fir feiern das Andenken eines großen Mannes, der zu 
unserer tiefen Trauer von uns geschieden ist Wir 
weihen diese Stunde dem Ausdruck der dankbaren 
Verehrung, die wir über das Grab hinaus dem Heim- 
gegangenen zollen, der Erinnerung an alle großen 
und schönen Werke, die sein schöpferischer Oeist 
in einem langen, rastloser Arbeit gewidmeten Leben 
vollbracht hat 
Was danken wir, was dankt die deutsche Rechtswissen- 
schaft Heinrich Dernburg? 

Wir alle wissen es! Aber der Zweck unserer Feier 
ist, es gemeinsam noch einmal zu überschauen und Öffent- 
lich für Mit- und Nachwelt unser Zeugnis darüber abzulegen. 

Heinrich Dernburg war ein Jurist vom Vater her. Er 
wurde geboren am 3. März 1829 in Mainz als Sohn des 
Advokatanwalts und Ergänzungsrichters Jakob Heinrich Dern- 
burg, der später ordentlicher Professor der Rechte in Gießen, 
endlich Oberappellations- und Kassationsgerichtsrat in Darm- 
stadt wurde. Die Entwicklung des Vaters, der dem Sohne 
zugleich Lehrer 1 ) war, und dem dieser noch 1875 für wert- 

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volle Bemerkungen zu seinem Werke über das Vormund- 
schaftsrecht danken konnte, 8 ) war in gewissem Sinne vor- 
bildlich für den Lebensgang des Sohnes. Jener wie dieser 
hat zunächst rechtsgeschichtliche Untersuchungen gepflogen, 
um sodann sich dem Rechte der Gegenwart zuzuwenden. 
Jakob Dernburg schrieb zuerst (1821) eine eindringende 
Untersuchung zur Geschichte der römischen Testamente. 
Im Jahre 1849 erschienen von ihm Abhandlungen aus dem 
Gebiete des gemeinen und französischen Zivil- und Prozeß- 
rechts in vergleichender Darstellung, darunter eine sorg- 
fältige Erörterung des Grundsatzes Kauf bricht Miete und 
die Prüfung einer der großen Forderungen jener Zeit: 
Öffentlichkeit und Mündlichkeit des Zivilprozesses, an der 
Hand einer genauen Analyse des Zusammenhanges beider 
und ihres Funktionierens im Organismus des Prozesses. 
Auch über Wert und Bedeutung der Schwurgerichte hat 
Dernburg der Ältere geschrieben. 

Die Abhandlungen aus dem gemeinen und französischen 
Zivilrecht und Prozeß werden gelegentlich in bibliographischen 
Verzeichnissen dem Sohne beigelegt Der Irrtum ist nicht 
unverzeihlich; denn in der Tat: nur ein Jahr nach dem 
Erscheinen jenes Werkes des Vaters trat der damals einund- 
zwanzigjährige Sohn mit seinem ersten Werk als Schrift- 
steller auf den Plan. 

Er hatte in Gießen und Berlin studiert, 1850 in Gießen 
mit höchster Auszeichnung promoviert und veröffentlichte 
nun seine Schrift über die emtio bonorum, 8 ) die ihm unter 
den Händen über den Rahmen einer Doktordissertation 
hinausgewachsen war. Sie ist eine heute noch beachtens- 
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werte, eingehende systematische Darstellung des römischen 
Konkurses. Im Anschluß an Savigny legt die Arbeit dar, 
wie die emtio bonorum nicht für Zwecke der Exekution 
erfunden, sondern zunächst an Versäumnisfällen entwickelt 
worden ist. Wenn freilich der junge Gelehrte dem Institute 
der emtio bonorum eine hohe Vortrefflichkeit nachrühmt, 
so scheint dabei die ungünstige Wirkung verkannt zu sein, 
welche der Verkauf des Vermögens im ganzen an einen 
Spekulanten für bestimmte Prozente der Schulden ausüben 
mußte; denn aus Mangel einer genauen Obersicht über 
Aktiven und Passiven und besorgt um seinen eigenen Ge- 
winn bietet der Spekulant naturgemäß den Gläubigern eine 
verhältnismäßig geringe Quote ihrer Forderungen und läßt 
dem Schuldner eine verhältnismäßig große Last seiner 
Schulden zurück. Auch zeigen die Römer selbst, indem 
sie in der Kaiserzeit früh begannen, Standespersonen gegen 
diese Art des Konkurses zu schützen, daß sie von seiner 
Vortrefflichkeit nicht besonders durchdrungen gewesen sind. 
Die Ansicht Dernburgs, daß die Exekution durch multa 
und pignoris capio in altrepublikanische Zeit zurückreiche, 
ist im Grunde genommen richtig, aber worauf es ankommt, 
ist, seit wann es möglich war, dem Schuldner Sachen ab- 
zupfenden nicht zur Strafe für den Ungehorsam gegen 
einen obrigkeitlichen Befehl, sondern zum Zwecke des Ver- 
kaufs behufs Befriedigung des Gläubigers. Diese Art der 
Exekution aber, von manchen erst als eine Neuerung des 
Antoninus Pius behandelt, ist jedenfalls nicht älter als die 
Kaiserzeit Antoninus Pius hat wahrscheinlich nur diese 
Exekutionsmethode von dem Urteil des Magistrats auf das- 

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jenige des Geschworenen übertragen. Wenn aber auch jene 
Erstlingsschrift in ihren Ergebnissen nach manchen Richt- 
ungen anfechtbar ist, so ist sie doch als das Werk eines ein- 
undzwanzigjährigen Mannes bereits das vollgültige Zeugnis 
einer ungewöhnlichen juristischen Begabung, einer großen 
Qründlichkeit und Selbständigkeit des Geistes. In der Ein- 
leitung seiner Schrift bekundete Dernburg die Neigung, 
das römische Kontumazialverfahren demnächst als ein Ganzes 
darzustellen. Mag sein, daß die ein Jahr darauf erschienene 
berühmte Schrift des früh abgerufenen Otto Ernst Hart- 
mann über das römische Kontumazialverfahren ihn von 
diesem Plane zurückgebracht hat 

Nur kurze Zeit nach jener ersten Publikation, im 
Jahre 1851, habilitierte sich Dernburg als Dozent der Rechte 
in Heidelberg mit einer Schrift über das Verhältnis der 
hereditatis petitio zu den erbschaftlichen Singularklagen. 4 ) 
Es gibt Monographien, deren Ruhm auf dem Sturm des 
Widerspruchs beruht, den sie entfesseln. Es gibt andere, 
deren Ergebnisse in aller Stille sofort als bleibende Werte 
in alle Lehrbücher übergehen. Dernburgs Schrift gehört 
zu der letzteren Art Bekanntlich kann der Erbe nach 
römischem Recht nicht nur mittels einer einheitlichen Klage 
von demjenigen, der auf Grund vorgeblichen Erbrechtes 
oder, ohne sich überhaupt auf einen Grund zu berufen, 
etwas aus der Erbschaft in Händen hat, die Herausgabe 
alles dessen verlangen, was ihm solchermaßen vorenthalten 
wird, sondern er kann auch aus den einzelnen Rechten 
des Erblassers, die auf ihn übergegangen sind, die ent- 
sprechenden Klagen erheben. Aber durch diese erbschaft- 
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liehen Singularklagen soll jener actio in rem de universitate 
nicht präjudiziell werden. Was dies bedeutet, hat Dernburg 
zum ersten Male eingehend und auf eine bis heute grund- 
legend gebliebene Weise untersucht. Er zeigt, wie die Einrede: 
ne praejudicium fiat hereditati nicht nur prozessuale, sondern 
auch materiell-rechtliche Gründe hatte, wie sie dem Zwecke 
diente, zu verhindern, daß der Besitzer durch Singular- 
klagen zu Leistungen gezwungen würde, welche er nach 
dem Rechte der hereditatis peutio abzulehnen berechtigt 
wäre, und wie dieser materiell-rechtliche Kern jener Einrede 
in das gemeine Recht Deutschlands übergegangen ist Es 
war damit bereits der Rechtszustand geschaffen, der in dem 
B. G. B. kraft der Vorschrift aufrecht erhalten ist, daß die 
Haftung des Erbschaftsbesitzers auch gegenüber den einzelnen 
Ansprüchen des Erben sich nach den Vorschriften über den 
Erbschaftsanspruch bestimmt. 

So hatte Dernburg mit einem bedeutenden Werke sich 
den Eintritt in die akademische Laufbahn errungen, und 
sein ganzes Leben hindurch ist er mit hingebender Liebe 
akademischer Lehrer geblieben. Schon 1854, nach drei- 
jähriger Tätigkeit als Privatdozent, wurde er als außer- 
ordentlicher Professor nach Zürich berufen und schon im 
Winter 1855/56 erscheint er als Ordinarius. Im Jahre 1862 
siedelte er an die Universität Halle über, und 1873 trat 
er als Nachfolger Rudorffs in die juristische Fakultät der 
Berliner Universität ein. Sechsundfünfzig Jahre lang hat 
Heinrich Dernburg des Lehramtes gepflegt; davon gehören 
vierunddreißig Jahre unserer Universität 

Seine Vorlesungstätigkeit war eine vielumfassende. Er 

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las zunächst römisches Recht; dann trat daneben das preußi- 
sche Zivilrecht; einige Male, in den siebziger und acht- 
ziger Jahren, auch Handelsrecht Römische Rechtsgeschichte 
zu lesen, hörte Dernburg Anfang der achtziger Jahre auf; 
die Institutionenvorlesung hielt er noch 1885 und 1886; 
dann ließ er auch diese fallen und widmete sich, soviel 
das römische Recht angeht, nur noch den Pandekten. Seit 
der großen Reform des Studienplanes aus Anlaß der Schöpf- 
ung des B.O.B, trat das neue bürgerliche Recht in den 
Mittelpunkt seiner Vorlesungen. Er behandelte gleichmäßig 
alle Teile des bürgerlichen Rechts. Sich auf die mehr 
romanistisch gefärbten Bücher zu beschränken, darauf war 
Dernburg nicht angewiesen. Neben den großen Privat- 
vorlesungen behandelte Dernburg, wie üblich, einzelne 
Gegenstände in öffentlichen Vorlesungen: den Konkurs, 
das Urheberrecht; des öfteren stellte er größere oder kleinere 
Abschnitte des Privatrechts: Obligationenrecht, Familienrecht, 
Erbrecht, Kauf, Gesellschaftsrecht, vergleichend nach römi- 
schem und modernem Recht dar. Regelmäßig hielt er 
Übungen, namentlich praktische, ab; an der Leitung des 
juristischen Seminars hat er sich oft beteiligt, auch zu den 
Direktoren des eine Zeitlang an der Universität Berlin be- 
stehenden kaiserlich russischen Seminars gehört 

Es ist mir leider nicht vergönnt gewesen, Dernburg 
selbst zu hören; aber der aufmerksame Leser seiner Schriften 
findet Anhaltspunkte genug, um sich ein Bild von der hohen 
und edlen Auffassung zu machen, die Heinrich Dernburg 
bei der Ausübung des akademischen Lehramtes beseelte. 
Die akademische Freiheit war ihm die belebende und 
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wärmende Sonne, auf welcher das Gedeihen der deutschen 
Universitäten und ihre Größe beruhe. Die wesentliche 
Aufgabe des akademischen Unterrichtes erblickte er im 
Wecken des Verständnisses, nicht in der Überlieferung von 
Kenntnissen. Er wußte sehr wohl, daß »die Studierenden, 
welche das Gymnasium entläßt, von der realen Welt, deren 
Interessen und Kämpfen, von Eigentum und Forderung, von 
Handel und Wandel nur einen dunklen Begriff, eine ent- 
fernte Kenntnis« haben. »Sie sollen nun« — ich zitiere 
Worte Dernburgs aus seiner Schrift über die Reform des 
juristischen Studiums 6 ) — »lernen, wie diese Dinge ge- 
richtet und geschlichtet werden, aber sie haben für die- 
selben kein Interesse, und das wunderbare System von 
Regeln, welche hierbei zugrunde zu legen sind, läßt sie 
kalt, noch mehr aber der geschichtliche Gang der Ent- 
wickelung dieser Regeln, ohne dessen Kenntnis dieselben 
doch nicht richtig gewürdigt werden können. Die Behand- 
lung praktischer Fälle bringt zuerst Licht und Leben herein.« 
Dennoch war Dernburg nicht dafür, daß die Übungen die 
systematischen Vorlesungen überwucherten. Denn »das 
Recht«, so sagt er, »ist nun einmal ein gedankenmäßiges 
System, welches die Lebensverhältnisse regelt, und dies 
System muß im Zusammenhange dargelegt werden, wenn 
es verstanden und beherrscht werden soll.« 6 ) Dernburgs 
Vorschlag in jener Schrift ging deshalb dahin, daß zwischen 
zwei Hälften des Universitätsstudiums ein praktischer Vor- 
bereitungsdienst in die Mitte treten sollte. 7 ) 

Außerordentlich lehrreich ist es, zu sehen, wie Dern- 
burg in den Institutionen des Gajus den Rechtslehrer be- 

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lauscht. Demburg hat 1869 die Ansicht aufgestellt, daß 
jene antike Schrift kein Lehrbuch, sondern eine Aufzeich- 
nung für den Lehrvortrag sei. 8 ) Es kommt jetzt nicht 
darauf an, zu prüfen, ob diese Hypothese zutrifft, sondern 
uns interessiert jetzt nur, was bei dieser Gelegenheit Dem- 
bürg über die Methode des juristischen Lehrvortrags äußert 
Da ist zunächst die Auswahl des Stoffes: erste, elementare 
Anforderung an ein Kompendium, bemerkt Dernburg, ist 
eine gewisse Vollständigkeit und harmonische Durcharbeitung 
aller Teile. Der juristische Vortrag, welcher juristische 
Anschauung und Belebung des juristischen Sinnes zu er- 
zielen sucht, bringt es mit sich, daß einzelnes heraus- 
gegriffen, mit Vorliebe ins Detail ausgeführt, anderes nur 
skizziert, manches endlich, wenn auch von großem Gewicht, 
mit Stillschweigen übergangen wird. Andererseits, die 
wiederholte Behandlung derselben Lehre, die sich bei Gajus 
nicht selten findet, in einem Lehrbuch verwerflich, ist be- 
greiflich, wenn wir es mit einem mündlichen Vortrage zu 
tun haben. Schwierige und fundamentale Lehren an schick- 
lichen Orten mehrfach vorzubringen, gehört zur Kunst eines 
guten Lehrers. Im einzelnen die Darstellung des Gajus 
betrachtend, findet Dernburg: es klingen uns die Worte 
des treuen Lehrers nach, wie er eifrig bemüht ist, die Zu- 
hörer in gefälligem Vortrag zum Verständnis juristischer 
Denkweise zu bringen und klare Begriffe, scharfe Vor- 
stellungen bei ihnen hervorzurufen. Auch das Bedürfnis 
derer fand Demburg bei Gajus nicht vernachlässigt, welche 
bestrebt sind, den flüchtigen Vortrag in sauberen Heften 
festzuhalten; zahlreiche Wendungen gestatten dem Zuhörer 
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auszuruhen oder seine Aufzeichnungen zu vollenden. Die 
Disposition wird scharf hervorgehoben, aber doch so ge- 
faßt, daß sie einen Ruhepunkt bildet, eine Art Kunstpause, 
wohltätig dem Hörer des fortlaufenden anstrengenden Vor- 
trags; auch daß derselbe Gedanke in wenig variierter Form 
mehrmals hintereinander ausgedruckt wird, verrat den 
Dozenten. Wie bei einem stereoskopischen Bilde der Be- 
schauer das doppelt Dargestellte nur einmal sieht, so hört 
man in solchem Falle das Gesagte nur einmal. Die zahl- 
reichen Beispiele ziemen dem Lehrvortrage besser, als dem 
Buch. Nicht selten fingt Gajus die Ausführung geradezu 
mit dem Beispiel an. Das ist, so urteilt Dernburg, dozen- 
tisch zweckmäßig: es verschafft dem Hörer von vornherein 
eine Anschauung von dem, was ihm erklärt werden soll. 
Wenn der Studierende hört, daß der Kauf einer nicht 
existierenden Sache nichtig ist, so muß ihm, sagt Dernburg 
in seinem trefflichen Vortrag über die Phantasie im Recht, 9 ) 
seine Phantasie sofort einen Fall vorführen, ein Faß Wein, 
über das die Parteien im Geschäftslokal handeln, während 
dasselbe eben im Keller ausgelaufen ist u. s. w. Er muß 
juristisch fabulieren lernen; darauf müssen die Vorlesungen 
hinwirken. Als Züge der Lehrgabe des Gajus führt Dern- 
burg weiter an: die Kunst, das juristische Element scharf 
auszusondern, es von den Schlacken der vulgären Vor- 
stellungen zu reinigen, durch Vergleichungen und Gegen- 
sätze das Prägnante hervorzuheben, durch Hervorkehren 
der negativen Seite eines Rechtssatzes die Grenzen seiner 
Anwendung zu bestimmen, die Sprödigkeit eines rein juri- 
stischen Vortrags durch mancherlei historische Anführungen 

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und Ausblicke auf das antiquarische Gebiet zu mildern, 
durch Auswahl interessanter Streitfragen die Aufmerksam- 
keit zu erhöhen, durch gelegentliche Ironie eindringlich zu 
wirken. 

Wer so klar sich bewußt gewesen ist, was den guten 
Dozenten ausmacht, wer zugleich mit so leuchtender An- 
ziehungskraft in seinen Büchern der studierenden Jugend 
den nach allgemeiner Vorstellung so dürren Stoff des 
Rechtes nahezubringen wußte, wie Dernburg, der muß 
ein vortrefflicher Dozent gewesen sein. Denn des Mannes 
Geist kann in seinen Vorträgen kein anderer sein, als in 
seinen Schriften. Und Dernburg war ein großer . Lehrer, 
das sieht man an den dankbaren Nachrufen, die ihm aus 
der Feder von Schülern gewidmet sind, sieht man aus der 
Verehrung, mit welcher ihm die Studenten noch in den 
letzten Jahren seines Lebens zugetan blieben, sieht man vor 
allem an der außergewöhnlichen Ehrung, welche ihm nach 
seinem Tode in Gestalt einer Gedenkfeier im Kreise der 
Studentenschaft auf deren eigensten Antrieb zuteil ge- 
worden ist 10 ) 

Wenn trotz alledem freimütig gesagt werden muß, 
daß Dernburgs Erfolg als Lehrer kein ganz unbestrittener 
war, so kann sich dies nur aus Gründen äußerlicher Art 
erklären. Seine Stimme war nicht sehr klangvoll, seine 
Rede floß langsam, das Feuer, mit dem sein Geist arbeitete, 
nicht jedem Ohr enthüllend. Es hat von jeher große Ge- 
lehrte und begnadete Lehrer gegeben, denen aus ähnlichen 
äußeren Gründen der Erfolg auf dem Katheder geschmälert 
wurde. Der Ruhm der besten und größten unter den 
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deutschen Professoren hat stets entweder mehr auf ihren 
Schriften oder mehr auf ihren mündlichen Lehren beruht 
Heinrich Dernburg gehört zu den ersteren, und zu seinen 
Schriften kehren wir nun zurück, indem wir zuerst seine 
weiteren romanistischen Werke ins Auge fassen. 

Hatte Dernburg mit seiner Habilitationsschrift ein für 
die wissenschaftliche Diskussion im wesentlichen neues 
Problem in Angriff genommen, so trat er noch als Heidel- 
berger Privatdozent mit seiner ersten größeren Monographie 
auf den Kampfplatz oft besprochener Kontroversen. Er be- 
arbeitete die Kompensation. 11 ) Dieses Buch, 1854 er- 
schienen, erlebte, was bekanntlich bei juristischen Mono- 
graphien eine Seltenheit ist, 1868 eine neue Auflage. Es 
war in dieser zweiten Auflage im einzelnen stark umge- 
arbeitet, auch durch Berücksichtigung der germanischen 
Rechtsgeschichte erweitert, in seinen Grundgedanken aber 
nicht verändert Zu der geschichtlichen Entwicklung der 
Kompensation im römischen Rechte nahm Dernburg, abge- 
sehen von den besonderen Instituten des agere cum com- 
pensatione des Bankiers und des agere cum deductione 
des bonorum emtor, den Standpunkt ein: die Kompensation 
unterliegt zuerst freiem Ermessen des Richters, erst in spät- 
klassischer Zeit wird sie ein Recht des Beklagten. Dieser 
Grundgedanke ist richtig. Mit gerechtem Triumph konnte 
Dernburg in seinen Pandekten darauf hinweisen, wie seine 
auf Grund mangelhafter Lesung eines Ausspruchs des Gajus 
vorgetragene Ansicht inzwischen durch genaue Entzifferung 
der Stelle bestätigt worden sei. 18 ) Die Bedeutung des 
verrufenen ipso jure compensatur fand Dernburg, ent- 

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sprechend seiner gesamten Theorie, darin, daß die Kom- 
pensation ein Recht der Partei geworden, nicht mehr von 
dem freien Ermessen des Richters abhängig sei. Diese 
These hat abweichende Ansichten nicht zum Schweigen 
gebracht, und auch ich glaube, daß jeder Versuch, den 
ewig umstrittenen Satz zu erklären, ohne das ipso jure in 
dem technischen Gegensatze zu ope exceptionis zu nehmen, 
aussichtslos ist Heute, da wir dem Werke Justinians mit 
geschulterem Blick und freierem Wagemut in bezug auf die 
Annahme von Eingriffen Tribonians gegenüberstehen, darf 
man die Vermutung aussprechen, wie es Appleton bereits 
1895 18 ) getan hat, daß das ganze ipso jure, welches in das 
klassische System der Kompensation sich schlechterdings 
nicht fügen will, nichts ist, als eine an einigen Stellen der 
Digesten und an einem Reskript Alexanders angebrachte 
Interpolation auf Grund einer Verordnung Justinians selbst, 
die mit dürren Worten das ipso jure compensatur als eine 
Neuerung Justinians hinstellt: Compensationem ipso jure 
fieri sancimus. u ) Das ist nicht der einzige Fall, in welchem 
endlose Arbeit und unsäglicher Aufwand an Scharfsinn 
durch die Irrlichter Tribonians verlockt wurde, sich im 
Trachten nach Unerreichbarem zu verzehren. 

In bezug auf die Verwirklichung der Kompensation 
im gemeinen Recht stand Dernburg in seiner Monographie 
gemäß seiner Auffassung vom römischen Rechte auf Seiten 
derer, die eine Einrede für erforderlich hielten, auf deren 
Grund erst der Richter die Kompensation verwirkliche. In 
den spateren Auflagen seiner Pandekten aber ist er in das 
Lager derer übergegangen, welche schon im gemeinen 
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Rechte die Aufrechnung durch einseitige Erklärung ge- 
schehen ließen. 15 ) 

In Zürich führte sich Dernburg mit einer interessanten 
Antrittsrede über die väterliche Gewalt bei den Römern 
ein. 16 ) Hier zeigte er umfassende Kenntnis des römischen 
und des griechischen Rechtes und sicheren historischen Blick. 
Er war in Zürich der Nachfolger Theodor Mommsens — 
denn auch dieser war in seiner Jugend Professor des 
römischen Rechtes. Dernburg widersprach in seiner An- 
trittsvorlesung mit Recht aus Gründen der politischen und 
der Rechtsgeschichte der Ansicht Mommsens, welche in Rom 
das Emporium Latiums erblicken will. Er betonte, wie alt- 
römische Art und altrömisches Recht Rom unter die acker- 
bautreibenden Gemeinwesen verweist Dernburgs Züricher 
Zeit ist, wie er selbst ausgesprochen hat, in jedem Sinne 
für sein späteres Wirken bestimmend gewesen. In dank- 
barer Erinnerung an seine Wirksamkeit in Zürich schrieb 
er 1883 der Züricher Hochschule eine Festgabe zu ihrem 
50 jährigem Jubiläum. 17 ) In der Einleitung dieser Fest- 
schrift sagt der Verfasser: 

»Hier wurde mir die Überzeugung gekräftigt daß die 
Rechtstheorie nicht bloß um ihrer selbst willen da ist, daß 
sie vielmehr vor allem dem Rechtsleben bestimmt ist Ich 
sah, wie ein praktisches Volk das römische Recht, welches 
hier niemals als Oesetz aufgefaßt worden war, als ge- 
schriebene Vernunft frei und geschickt zu verwerten wußte. 
Ich habe versucht, ihm in dieser Behandlungsweise etwas 
abzulernen. Wenn aber die Rechtswissenschaft praktische 
Ziele zu verfolgen hat, so ist damit nicht gemeint, daß sie 

Kipp, Heinrich Dernburg. 17 



■ ■ 

bloß die nächsten Bedürfnisse der Praxis in kahler Art zu 
versorgen hat* Sie soll sich in der Geschichte gründen, 
und: »Je weniger sich die historische Forschung von vor- 
gefaßten Meinungen bestimmen läßt, je tiefer sie geht, je 
selbständiger sie ist, desto mehr wird sie schließlich auch 
der Praxis dienen, welche in unserer Zeit ganz besonders 
gefährdet erscheint durch Dialektik, welche die Wissenschaft 
zu beherrschen strebt, und eine Dogmatik, die auf ihr 
fußt. Der Nebel, der sich so auf die Rechtswissenschaft 
zu legen droht, wird vor allem durch die historische Er- 
kenntnis zerstreut« 

Dernburg ist nicht der einzige deutsche Jurist, dem 
schweizerische Lehrjahre den Sinn für eine freie Hand- 
habung des römischen Rechtes, für die Notwendigkeit 
schöpferischer Mitarbeit der Rechtswissenschaft an der Fort- 
bildung des Rechtes gestärkt haben. Man denke nur an 
Regelsberger. Wie wahr Dernburg in den eben ange- 
führten Worten von sich selbst sprach, lehren seine späteren 
Werke, zunächst sein Pfandrecht, 18 ) dessen erster Band 
(1860) in die Züricher Zeit fällt, während der zweite (1864) 
bereits der Hallischen Epoche angehört Dieses Werk, 
umfassend angelegt, an Stoff überaus reich, von einer Fülle 
feinsinniger Quellenuntersuchungen getragen, stellt sich be- 
wußt auf den Boden der historischen Schule; 19 ) aber wenn 
andere Vertreter dieser Schule, ihren eigenen Prinzipien nur 
scheinbar folgend, in Wahrheit den Grundsatz von dem 
entwickelungsgeschichtlichen Fortfluß des Rechtes verleugnend, 
dahin gekommen waren, die Gegenwart auf eine ferne Ver- 
gangenheit zurückzuschrauben, das reine römische Recht 
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wieder herstellen zu wollen unter Zerstörung einer Jahr- 
hunderte langen Entwickelung, des usus modernus pandec- 
tarum, so ist Dernburg von dieser falschen Geschicht- 
lichkeit frei. Dagegen ist er stets bestrebt, aus dem Born der 
Geschichte die Mittel der Erkenntnis der Gegenwart zu 
schöpfen. Allerdings, und dessen war Dernburg sich voll- 
kommen bewußt,' 0 ) ist das Pfandrecht eine der Materien, 
in denen das römische Recht seit langem aus der unmittel- 
baren praktischen Geltung stark verdrängt war. Aber sein 
Werk ist hervorgegangen aus dem Glauben an den Wert 
des römischen Rechts auch über seine formale Geltung 
hinaus. In der Vorrede zum Pfandrecht 21 ) steht jene be- 
herzigenswerte Mahnung an den Richter, über den »Staketen- 
zaun der Artikel* hinüberzuschauen, dahin, »wo die Quelle 
frisch und fröhlich fließt, aus der sein Gesetz selbst mit 
mehr oder weniger Geschick geschöpft hat". Jene Quelle 
aber ist für Dernburg das gemeine Zivilrecht »Trotz der 
Gesetzgebung«, so rief er aus, »wird das römische Zivil- 
recht seinen materiellen Wert behaupten, solange wir nicht 
Sklaven des Buchstabens unserer Gesetzestexte geworden 
sind, solange es uns ernst ist mit dem Verständnis unseres 
Rechts, und ein Eindringen in seinen inneren Zusammen- 
hang und sein Wesen uns Bedürfnis bleibt« 

Obwohl es nicht möglich ist, bei den großen syste- 
matischen Werken des Verewigten im einzelnen lange zu 
verweilen, sei es doch gestattet, an einiges Bedeutsame aus 
dem Inhalt des Pfandrechtes zu erinnern. Wer kennt sie 
nicht, die unsterblichen Streitfragen des Pfandrechtes! Für die 
damals freilich überhaupt noch wenig beachtete Frage nach 

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dem Gegenstand des Pfandrechtes hatte Dernburg kein 
besonderes Interesse. Gelegentlich kommt er freilich darauf, 
z. B. bei der Frage, ob Verpfändung durch den Emphyteuta 
oder Superfiziar Verpfändung des Rechtes oder Verpfändung 
des Grundstücks sei. Dernburg entscheidet mit kurzer 
Begründung für die letztere Auffassung.--) Dem Gedanken 
Bremers von der Verpfändung des Eigentums hat Dernburg 
auch später nichts abgewinnen können, er hielt ihn für 
gesucht und überkünstlich, 28 ) wie er überhaupt für das 
Recht am Rechte auch später keine besondere Meinung 
hatte und es für das römische Recht ganz leugnete.") 

Eine der berühmtesten Streitfragen des Pfandrechts 
ist die nach der Möglichkeit der Entstehung eines Pfand- 
rechts vor Entstehung der Forderung und damit im Zu- 
sammenhange die Frage nach dem Range eines im voraus 
bestellten Pfandrechts. Dernburg hat schon in seiner Mono- 
graphie M ) die Möglichkeit eines Pfandrechts vor der Forderung 
bejaht, freilich nur in dem Sinne eines schwebenden Ver- 
hältnisses, im Sinne der Existenz des Pfandrechts für den 
Fall der künftigen Entstehung der Forderung. Daß nach 
römischem Rechte die Bestellung eines Pfandrechts für eine 
künftige Forderung mit dem Range vom Tage der Be- 
stellung möglich sei, auch wenn für die künftige Forderung 
noch keinerlei Grund gelegt ist, vorausgesetzt nur, daß die 
Parteien die sofortige Entstehung des Pfandrechts wollen, 
daß z. B. nach dem Willen der Parteien eine solche Ver- 
pfändung für ein Darlehen erfolgen könne, welches in Aus- 
sicht genommen ist, ohne daß der Gläubiger sich verpflichtet 
hat, es zu geben, oder der Schuldner, es zu nehmen, diesen 
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Beweis hat Dernburg vergebens versucht Aber er hat den 
Beweis geführt, daß eine Pfandbestellung mit dem Range 
vom Tage der Bestellung möglich ist, wenn für die zu 
versichernde Forderung bereits ein Grund gelegt ist in 
einer greifbaren, wenn auch nicht unkündbaren Verpflichtung 
des Gläubigers, den Kredit zu geben, oder des Schuldners, 
ihn zu nehmen. In dieser Beziehung hat Dernburg auch 
Eindruck gemacht selbst auf Windscheid, der entgegen seiner 
früheren Ansicht den Rang der sogenannten Kredit-Hypothek 
vom Tage der Bestellung zugab, wenn er auch dabei mit 
der Theorie von der dinglichen Pfandgebundenheit im Gegen- 
satz zum Pfandrecht operierte. 26 ) Ausgetragen ist der Streit 
heute noch nicht Die Verfasser des Bürgerlichen Gesetz- 
buches stehen in der Annahme der Möglichkeit eines Pfand- 
rechtes, welches vor der Forderung begründet wird, und 
doch den Rang vom Tage der Bestellung hat, 27 ) auf Seiten 
Dernburgs. Allerdings ist dieses Pfandrecht auch jetzt nur 
als ein unvollkommenes anzusehen; es ist die schon jetzt 
bestehende dingliche Sicherheit dafür, daß der Berechtigte 
für den Fall des Existentwerdens der Forderung sich aus 
dem Pfandgegenstande werde befriedigen können. 

Eine andere, heute noch brennende Streitfrage ist die 
nach der richtigen Konstruktion des Pfandvorbehalts bei 
Veräußerung der Sache. Dernburg nahm an, daß bei Ver- 
äußerung der Sache mit Vorbehalt des Pfandrechts der 
Sacherwerber der Besteller des Pfandrechts sei. 28 ) Er ist 
hierbei auch in seinen Pandekten geblieben, 29 ) während er 
in seinem Bürgerlichen Recht 80 ) anscheinend denen beigetreten 
ist, welche bei Erwerb eines Grundstücks mit Hypothek- 

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bestellung für den Kaufgelderrest eine Belastung des Grund- 
stücks durch den Erwerber leugnen. 
Soviel vom Pfandrecht 

In dem berühmten Baseler Festungsstreit gab Dernburg 
1862 ein Gutachten ab. 81 ) Die wissenschaftliche Bedeutung 
dieses Streites liegt in seinem Ertrag für die Bestimmung 
des Wesens der öffentlichen Sachen. Dernburg zeigte, wie 
die frühere Ansicht allgemein dahin ging, daß diese Sachen 
im Eigentum des Staates oder der Gemeinde stehen, und 
erst bei Gelegenheit jenes Rechtsstreites die Ansicht bewußt 
vertreten wurde, daß sie in niemandes Eigentum ständen. 
Diese Meinung hatte vor allen Dingen Ihering verfochten. 82 ) 
Dernburg trat entschieden für die ältere Auffassung auf und 
mit Recht Der Streit schwebt heute noch. Das publi- 
zistische Eigentum, welches Eisele 88 ) 1873 dem Staat zu- 
geschrieben wissen wollte, ist für das heutige Recht in 
Otto Mayers 84 ) öffentlich-rechtlichem Eigentum wieder er- 
standen. Allein es kann für das heutige Recht und konnte 
schon für das gemeine Recht nicht zweifelhaft sein, daß 
der Staat sich und den Gemeinden an den dem gemeinen 
Gebrauch oder öffentlichen Dienst gewidmeten Sachen das- 
selbe Eigentum zuschreibt, welches der Private an seinen 
Sachen hat. Die Zwecke der öffentlichen und privaten 
Sachen sind verschiedene; ihre rechtliche Sicherung für den 
Zweck, dem sie dienen, erfolgt in erster Linie durch 
Statuierung des Eigentums. Soviel aber das römische Recht 
angeht, so ist es zwar richtig, daß dieses Recht Privateigentum 
und öffentliches Recht nicht mit der Klarheit auseinander- 
hält, die wir von uns verlangen und bei den Römern er- 
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warten möchten. Aber diese Unklarheit liegt darin, daß 
das römische Recht in manchen Fällen, in denen wir Staats- 
hoheit, nicht Eigentum annehmen, mit dem Begriff des 
Privateigentums operiert, nicht umgekehrt Ein Recht, welches, 
wie das römische unzweifelhaft getan hat, an seinen Pro- 
vinzen das Eigentum dem römischen Volke zugeschrieben 
hat, welches Testamente fremder Könige als Rechtstitel für 
den Besitz untergegangener Reiche anführte, kann nicht 
wohl ernstlich bezweifelt haben, daß dem Staate das Eigen- 
tum an öffentlichen Gebäuden, Straßen und Plätzen zusteht 
Zwei Arbeiten Dernburgs gehören der Geschichte der 
Quellen des römischen Rechtes an. Die eine ist das 1869 
erschienene, reizende Buch über die Institutionen des Gajus, 85 ) 
welches zugleich die Verhältnisse des Rechtsunterrichtes wie 
des Juristenlebens, des Bibliothekwesens im Anfange der 
Kaiserzeit auf eine außerordentlich anziehende Weise schildert. 
Von seinem Hauptgedanken: Gajus ein Kollegienheft, war 
vorhin bereits die Rede. Durchgedrungen ist in der Wissen- 
schaft diese Hypothese, die in der Tat manches gegen sich 
hat nicht 

Die zweite zu dieser Gruppe gehörige Arbeit erschien 
in den Festgaben der Berliner Juristen-Fakultät für August 
Wilhelm Heffter (1873). 3 «) Hier untersucht Dernburg das 
Alter der einzelnen Sätze des prätorischen Edikts. Dieser 
Aufsatz wurde geschrieben zehn Jahre bevor die glänzende 
Restitution des prätorischen Ediktes von Lenel ans Licht 
trat Er konnte sich nur stützen auf die Restitution von 
Rudorff, der Dernburg in seiner Einleitung mit Recht dank- 
bare Worte der Anerkennung widmete, freilich mit dem 

23 



4 



■ ■ 

ebenso berechtigten Vorbehalte, daß die Benutzung des 
Werkes mit Vorsicht zu geschehen habe. Für Dernburgs 
Absichten in jenem Aufsatz war die Restitution des Hadri- 
anischen Ediktes eine Vorarbeit Sein Ziel war ein anderes. 
Er suchte festzustellen, ob sich Kriterien angeben lassen, 
welche uns in den Stand setzen, ältere und neuere Edikts- 
bestandteile zu sondern. Mit Recht hob er hervor, daß 
diese Aufgabe noch nicht einmal in Angriff genommen sei, 
und wir müssen hinzufügen, daß sie seit Dernburgs Arbeit 
auch niemals wieder im Zusammenhange in die Hand ge- 
nommen worden ist Dernburg war der Ansicht, daß die 
Sitte der Prätoren, Jahresedikte zu erlassen, bald nach Be- 
gründung der Prätur im Jahre 367 vor Chr. einsetzt Er 
hat damit wohl jene Sitte etwas zu weit hinaufgerückt 
Zwei Hauptgedanken waren für ihn bei der Schichtung der 
Bestandteile des Ediktes leitend. Der eine: es gab ein- 
gliedrige und zweigliedrige Edikte. Die zweigliedrigen sind, 
kurz ausgedrückt, solche, die in einem Satz die Norm, in 
einem zweiten die Sanktion bringen, welche die Befolgung 
der Norm sichern soll; die eingliedrigen Edikte fassen 
beides zusammen. Die eingliedrige, weitaus überwiegende 
Fassung der Edikte ist nach Dernburg die jüngere. In 
dieser Gruppe sollte aber wieder eine Zweiteilung statt- 
finden: Edikte, welche korrekt dahin gefaßt sind, daß der 
Prätor ein Schwurgericht niedersetzen werde auf die Be- 
hauptung hin, daß dies oder jenes geschehen sei (si 
dicetur) sind nach Dernburg jünger als diejenigen, in denen 
der Prätor ankündigt, er werde einschreiten, wenn das und 
das geschehen sei. Beide Sätze kombinierend, kam Dernburg 
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zu der Annahme von drei Schichten des Edikts, 1. zwei- 
gliedrige Edikte, 2. eingliedrige Edikte ohne dicetur, 3. ein- 
gliedrige Edikte mit dicetur. Wenn sich diese Aufstellung 
bewahrheitet, so ist sie von großer Bedeutung für die innere 
Geschichte des römischen Rechtes. Allein sie unterliegt 
schweren Bedenken, die zum Teil bereits Kariowa 37 ) geltend 
gemacht hat Sie zwingt, einige Edikte in eine Zeit hinauf 
zu versetzen, der sie nach allem, was wir sonst wissen, nicht 
gut angehören können, so besonders das Edikt de damno 
infecto und das Edikt de infamando. Sie gibt einzelnen 
Edikten im Verhältnis zu benachbarten auf eine schwer 
begreifliche Weise die Priorität So dem Edikt de positis 
et suspensis vor dem Edikt de effusis et deiectis. Vor allem 
aber 88 ) ist es unwahrscheinlich, daß, wenn die jüngeren 
Prätoren prinzipiell sich für die Fassung dicetur als die 
allein korrekte entschieden haben, sich doch die Edikte 
ihrer Vorgänger trotz der jährlich erfolgten Revision des 
Ediktes durch Jahrhunderte in der für inkorrekt geltenden 
Fassung erhalten haben sollten. Es wäre dringend zu 
wünschen, daß eine neue Untersuchung den Gründen jener 
unterschiedlichen Fassung der Edikte gewidmet würde; 
denn möchte es auch ein kleinliches Spüren in Worten 
scheinen, so berührt die Sache doch, genau betrachtet, 
eine der wichtigsten Fragen unserer Wissenschaft, das 
Verhältnis des heute sogenannten Justizrechtes zu dem 
Privatrecht 

In seiner Schrift über den juristischen Besitz, jener 
Festschrift für die Züricher Hochschule, deren bereits ge- 
dacht wurde, ist Dernburg der Vorläufer Iherings in dem 

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Grundgedanken, der dessen wohlbekannte Streitschrift gegen 
die herrschende Methode in der Jurisprudenz, das Buch 
über den Besitzwillen, durchzieht, in dem Gedanken, daß 
praktische Gründe das römische Recht bei der Entscheidung 
darüber leiteten, ob Jemandem der juristische Besitz oder 
die bloße Detention zuzusprechen sei. 

Noch eines Aufsatzes von Dernburg ist hier zu ge- 
denken, der wesentlich zu den romanistischen Schriften zu 
zahlen ist, seines Aufsatzes aus dem Jahre 1884 39 ) über die 
höhere Gewalt Hier verteidigt er die in seinem preußischen 
Privatrecht bereits eigenartig ausgeprägte sogenannte relative 
Theorie der höheren Gewalt kräftig gegen den Angriff von 
Exner, der in der Tat jetzt als abgeschlagen gelten kann. 

Die Bekrönung des romanistischen Lebenswerkes Dern- 
burgs sind seine Pandekten. 40 ) Jedermann kennt sie, der 
seit den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts 
römisches Recht studiert hat, oder zur Anwendung des 
römischen Rechtes berufen war, oder den Neigung oder 
wissenschaftlicher Zusammenhang dazu geführt haben, nach 
dem römischen Recht zu greifen. Sie erschienen, während 
Windscheids Pandekten werk die Praxis beherrschte, die 
Studierenden aber, denen in der Regel Windscheid zu 
viel zumutete, entweder dem getreuen Arndts oder dem 
glatten Baron zu folgen gewohnt waren. Sie haben den 
Einfluß Windscheids auf die Praxis ins Wanken gebracht, 
aber nicht zu überwiegen vermocht Die Herzen der 
Studierenden haben sie im Sturm erobert Dies verdanken 
sie vor allem der wunderbaren Plastik ihrer Darstellung, 
der Beschränkung auf eine die Kräfte der Studierenden 
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nicht übersteigende Auswahl des Stoffes, der Verbindung 
geschichtlicher Betrachtung des römischen Privatrechts mit 
dem Pandektenrechte. Allerdings muß offen gesagt werden, 
daß von der fortschreitenden geschichtlichen Erforschung 
des römischen Rechtes Dernburg in den Pandekten nur 
noch lückenhaft Notiz genommen hat Seine Gedankenwelt 
war — wir haben es bereits in seiner Abwendung von 
geschichtlichen Vorlesungen gesehen — , zu sehr die Welt 
des modernen Rechts geworden, um ihm zu umfassenden 
rechtsgeschichtlichen Studien die Zeit zu lassen. Und wer 
möchte sich bei der Fülle des Stoffes, den der Historiker 
einerseits, der Dogmatiker andererseits heute zu bewältigen 
hat, darüber wundern, daß selbst ein Mann von ungewöhn- 
licher Arbeitskraft außer Stande ist, beiden Gebieten zu- 
gleich gerecht zu werden! Hie und da könnte man in 
Dernburgs Pandekten wünschen, daß dem Studierenden 
von den obwaltenden Schwierigkeiten noch etwas mehr 
gezeigt würde. Die freie Behandlung des römischen Rechts, 
die der Gesamtrichtung Dernburgs getreu das Pandekten- 
werk aufweist, ist für den Studierenden nicht ungefährlich. 
Der Lehrling kann schlimme Erfahrungen machen, wenn 
er es versuchen will, dem Meister nachzuahmen. Ge- 
wöhnlich freilich liegt diese Gefahr nicht sehr nahe. Denn 
der Studierende kommt regelmäßig als treuer Diener des 
Buchstabens an die Rechtswissenschaft heran. Wissen wir 
doch auch, daß jeder Laie die Jurisprudenz für einen wort- 
dienerischen Gesetzeskultus hält Daher bedarf es ge- 
wöhnlich erst langer Erziehung und Erfahrung, bis der 
Jünger unserer Wissenschaft das Wahre und innerlich Be- 

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rechtigte, ja Notwendige an jener Freiheit einsehen und 
würdigen lernt 

Nun aber greifen wir um zwei Jahrzehnte zurück. 
Wenn Demburgs Wirksamkeit in Zürich für seine Richtung 
innerhalb des Romanismus bestimmend war, so hat seine 
Übersiedelung nach Halle eine weit tiefer greifende Be- 
deutung für seinen ferneren Lebensgang gehabt. Sie führte 
ihn zur Beschäftigung mit dem preußischen Recht 

Wenige Jahre nach seinem Einzug in Halle durch das 
Vertrauen seiner Kollegen zur Würde des Rektors empor- 
getragen, hat Dernburg in seiner Rektoratsrede über Tho- 
masius und die Stiftung der Universität Halle im nahen 
Zusammenhang mit seinem Gegenstände ausgesprochen, wie 
auch er Anlaß habe, der schönen Sitte der Hohenzollern 
und ihres Volkes, auswärtigen Gelehrten mit gastlichem 
Sinn Raum zum Wirken und volle Einbürgerung zu ge- 
währen, dankbaren Herzens zu gedenken. 41 ) 

Hatte aber Dernburg Grund, dem preußischen Staat 
für die Gewährung einer neuen Heimat Dank zu wissen, 
so hat er diesen Dank mit reich spendender Hand abge- 
tragen vor allem durch das, was er an dem preußischen 
Rechte getan hat 

Durchdrungen von dem tiefen Gefühl der Verant- 
wortung des Rechtsforschers und des Rechtslehrers für die 
Urteilssprüche, die seine Lehre den Schülern an die Hand 
gibt, fand Dernburg, daß der Pandektenvortrag auf die 
künftige praktische Tätigkeit der Hörer in Auswahl und 
Gruppierung des Stoffes Rücksicht nehmen, somit der 
Pandektenlehrer in Preußen die Augen auf das preußische 
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Landrecht gerichtet halten müsse. Um aber das in den 
Pandektenvorlesungen Angebahnte weiter fortzuführen, ent- 
schloß er sich zu Vorlesungen über preußisches Privatrecht, 
die er im Geiste einer Vergleichung dieses Rechtes mit dem 
Pandektenrecht hielt Aus diesen Vorlesungen erwuchs in 
langjähriger Arbeit Demburgs Lehrbuch des preußischen 
Privatrechts und der Privatrechtsnormen des Reiches. 42 ) 
Als im Juli 1874 der erste Band des preußischen Privat- 
rechts vollendet vorlag, war schon der erste Grundstein für 
den Bau des deutschen bürgerlichen Rechtes gelegt, und 
der Verfasser fragte sich, ob die Arbeit am preußischen 
Privatrecht fortzusetzen sei. 48 ) Er hat sie glücklicherweise 
bejaht, die Langwierigkeit der Arbeit am Bürgerlichen Ge- 
setzbuch voraussehend und in dem wohlberechtigten Ge- 
danken, daß jeder Fortschritt in der Erkenntnis des preu- 
ßischen Rechtes auch für das Gesamtrecht Deutschlands 
von Nutzen sein müsse. »Was Preußen gewonnen hat, 
hat Deutschland gewonnen" ist ein wahres Wort, zu dem 
Dernburg bei anderer Gelegenheit sich bekannt hat 44 ) 

In der Tat blieb ihm nicht nur die Zeit, in Muße — bis 
zum Jahre 1879 — das Preußische Privatrecht zu voll- 
enden, welches die Keime des Pandektenwerkes Seite für 
Seite in sich trägt, sondern auch das Pandektenrecht selbst 
zu schreiben und beide Werke wieder und wieder neu 
herauszugeben, auch zwei wichtige Materien des preußischen 
Rechtes gesonderter Bearbeitung zu unterziehen, ehe das 
Bürgerliche Gesetzbuch vollendet wurde. Zuerst das Vor- 
mundschaftsrecht, 46 ) welches Dernburg im Jahre 1875 im 
Anschluß an die neue preußische Vormundschaftsordnung 

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darstellte. Dieses Werk, welches zwei Auflagen in wenigen 
Monaten erlebte, hat der Verfasser später, als die dritte 
Auflage erscheinen sollte, nicht mehr die Zeit gefunden, 
selbst zu erneuern; er hat die Bearbeitung Max Schultzen- 
stein anvertraut Sodann bearbeitete Dernburg das preu- 
ßische Grundbuch- und Hypothekenrecht 48 ) Die allgemeinen 
Lehren des Grundbuchrechtes verfaßte er gemeinsam mit 
Hinrichs; diese Abteilung erschien 1877. Die zweite Ab- 
teilung, das preußische Hypothekenrecht, erschienen 1891, 
hat Dernburg allein bearbeitet 

Es ist bekannt genug, worin Dernburgs gewaltige Be- 
deutung für das preußische Recht wurzelt Nicht das war 
neu, daß er das gemeine Recht zum Verständnis des preu- 
ßischen heranzog, sondern daß er das preußische Recht 
erfüllte mit dem Geiste seiner Art, das römische Recht zu 
betrachten und zu behandeln, das Recht zu erfassen als 
einen in ständiger Entwickelung begriffenen Organismus. 
Daß er ein Romanist war, mit offenem Verständnis für 
deutsches Recht und bereit, dem deutschen Recht zu geben, 
was des deutschen Rechtes ist, das hat ihn nach dem treffen- 
den Wort eines besseren Beurteilers als ich befähigt, »die 
schöpferische Verjüngung der Wissenschaft des preußischen 
Rechtes" zu vollbringen. 47 ) Geschrieben im besten Mannes- 
alter, weiter in die Tiefen hinabsteigend als die Pandekten, 
ist unter den drei großen Werken Dernburgs das preußische 
Privatrecht vielleicht das am höchsten zu stellende. 

Seit dem Jahre 1866 gehörte Dernburg dem preußischen 
Herrenhause an, zunächst als Vertreter der Universität Halle- 
Wittenberg und dann, als er nach Berlin berufen worden 
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war, kraft besonderen königlichen Vertrauens. In dieser 
Stellung, deren Pflichten Dernburg gewissenhaft erfüllte, hat 
er an der Ausgestaltung des Preußischen Rechtes gesetz- 
geberisch mitgewirkt, und in solcher Tätigkeit wiederum Be- 
fruchtung seines schriftstellerischen Wirkens gefunden. In 
bezug auf die Vormundschaftsordnung hat er als Bericht- 
erstatter fungiert Oft hat er gesprochen: in Angelegen- 
heiten des Privatrechts und des Justizwesens, in Sachen des 
juristischen Studiums, des Prüfungswesens, in Standesfragen 
der Professoren und Dozenten, in allgemeinen politischen 
Fragen. Manches tiefe, manches markige, manches humor- 
volle Wort entfloß seinen Lippen, und immer hört man das 
warme Wohlwollen, welches den Orundquell seines ganzen 
Wirkens bildet Unvergessen bleibe ihm, wie er noch am 
8. Mai 1907 mit beredten Worten die Tüchtigkeit und Pflicht- 
treue der deutschen Richter verteidigte und gegenüber einer 
wohlbekannten Anpreisung englischen Musters für unsere 
Justizreform auf die volksfreundlichen Grundlagen der 
preußisch-deutschen Justiz gegenüber dem aristokratischen 
Grundzug englischen Justizwesens hinwies. 48 ) 

Das deutsche B. G. B. sah Dernburg mit Sorgen kommen. 
Er hat an der Kritik der Entwürfe im einzelnen sich nicht 
in umfassendem Maße beteiligt, doch hat er auf dem 19. und 
20. deutschen Juristentage in einigen Fragen sich gegen den 
ersten Entwurf geäußert Er sprach gegen die Abschaffung des 
sogenannten Vindikations- Legates, für die Alleinherrschaft der 
Briefhypothek im Gegensatz zu einer Vielheit von Formen 
des Grundpfandrechtes, gegen das gesetzliche Pfandrecht 
des Vermieters, gegen den Satz, daß Grunddienstbarkeiten 

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nur durch Eintragung im Grundbuch sollten entstehen können, 
wenigstens so, wie dieser Satz im ersten Entwürfe durch- 
geführt war. 49 ) Jeder Kenner des B.G. B. weiß, daß in allen 
diesen Beziehungen Dernburgs Stimme ungehört verhallt ist 

Aber es handelte sich nicht nur um Einzelheiten; der 
ganze Geist der Entwürfe war und blieb Dernburg un- 
sympatisch. Er, der Romanist, der noch in seinen letzten 
Jahren sagen konnte: »Wenn ich in einer Streitfrage auf 
etwas Römisches kommen kann, so bin ich immer froh," 50 ) 
fand in dem ersten Entwurf die römischen Ideen übertrieben. 

Er erkannte an, daß der zweite Entwurf manches ge- 
fälliger, manches brauchbarer gestaltet hatte. Aber er fügte 
hinzu, daß damit zugleich der Vorzug der wissenschaftlichen 
Konsequenz, den er dem ersten Entwurf zuerkannte, ab- 
geschwächt worden sei, und war nicht der Meinung, daß 
für dieses Opfer eine ausreichende Umgestaltung des Ent- 
wurfes nach Seite der praktischen Brauchbarkeit erkauft 
worden wäre. Noch in letzter Stunde, im Jahre 1895, hatte 
er im preußischen Herrenhause den Entwurf des B.G.B, 
bekämpft, und als die Annahme unmittelbar bevorstand, 
überschrieb er in einer Besprechung der persönlichen Rechts- 
stellung nach dem B. G. B. das erste Kapitel von der »Not- 
wendigkeit der Resignation.« 51 ) »Für ein auf volkstüm- 
licher Grundlage ruhendes, klares und lebendiges Recht«, so 
sagte er in der Einleitung jener Schrift, 52 ) »habe ich in langer 
Tätigkeit meine besten Kräfte eingesetzt Als ich im ver- 
gangenen Frühjahr im Herrenhause gegen die Erhebung 
des Entwurfs zum nationalen Gesetzbuch mich erklärte, war 
dies eine Konsequenz meiner wissenschaftlichen Grund- 
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anschauung; denn allzu weit schien mir der Entwurf von 
diesem Ideal entfernt.* 

Nun aber die Entscheidung gefallen war, wollte Dem- 
bürg die Lichtseiten des gewaltigen Ereignisses in den 
Vordergrund gerückt wissen: »Nicht länger«, so fuhr er 
fort, »wird in Deutschland fremdes Recht in seiner Urform 
gelten. Wer könnte sich dem Zauber des Wortes ver- 
schließen: ein Kaiser, ein Reich, ein Recht! Mag die Rechts- 
einheit, der Mängel des Oesetzbuches unerachtet, dem 
deutschen Patriotismus neue Flügel geben, der deutschen 
Rechtsprechung frisches Leben einhauchen und die deutsche 
Rechtswissenschaft befruchten.« 

Und Heinrich Dernburgs Schaffen hat sie befruchtet l 
Er, der intime Kenner und schöpferische Förderer des 
Pandektenrechtes wie des preußischen Privatrechtes, der 
beiden unstreitig wichtigsten unter den großen geschicht- 
lichen Grundlagen des neuen Rechts, aber auch mit der 
dritten unter ihnen, dem französischen Rechte, wohl vertraut, 
(ich erinnere an seine Charakteristik des Code civil in seinem 
Aufsatz zur Feier des 5. Jahrestages des B. G. B.) 5S ) war 
auch ein in hervorragendem Maße berufener Bearbeiter des 
neuen Bürgerlichen Rechtes. Schon im Jahre 1898 begann 
seine groß angelegte Darstellung des neuen Rechtes zu er- 
scheinen, in freier Folge: das Sachenrecht zuerst, dann das 
Recht der Schuldverhältnisse, die allgemeinen Lehren, das 
Familienrecht, das Erbrecht In dem allgemeinen Teil hatte 
Dernburg die Lehre von der Rechtsverwirklichung nicht 
aufgenommen, aber nicht um sie auszuschließen, sondern 
in der Absicht, sie mit der Darstellung des Urheberrechtes 

Kipp, Hdnricb Dernburg. 33 



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in einem sechsten Bande zu vereinigen, den er noch großen- 
teils hat vollenden können. 54 ) 

Wie er früher das preußische Privatrecht mit dem Reichs- 
privatrecht vereinigt hatte, so hat er auch jetzt mit dem 
Bürgerlichen Rechte die Grundzüge des Handelsrechtes und 
die in Geltung verbliebenen Normen des preußischen Zivil- 
rechtes zusammengefaßt Ja er gab dem gesamten Werke 
noch eine viel weiter reichende Spannung. Es sollte ein 
Werk entstehen, welches das Privatrecht aller Bundesstaaten 
umschlösse. Darum zog Dernburg Mitarbeiter heran, die 
in Fühlung mit dem Hauptwerk die Privatrechtsordnung der 
anderen Bundesstaaten darstellen sollten; eine Reihe dieser 
Darstellungen liegt bereits vor. Mag man hie und da an 
dem letzten großen Werke Dernburgs die Spuren der Jahre 
sehen, mag man die letzte Feile vermissen oder die Akribie 
in der Durcharbeitung des Stoffes bemängeln, so ver- 
schlägt das nichts. Wir haben allen Grund, Uns zu freuen, 
daß der greise Meister uns in diesen Bänden seiner Weis- 
heit letzten Schluß hinterlassen hat. 

Neben der Arbeit an dem großen Werk fand Dernburg 
immer noch Zeit, einzelne Punkte des Bürgerlichen Rechtes, 
die ihm besonders am Herzen lagen, in kurzen Aufsätzen 
in Zeitschriften zu besprechen. Wir besitzen ja seit den 
letzten zwölf Jahren erfreulicherweise Organe, in denen es 
möglich ist, eine Ansicht in Kürze darzulegen und zu be- 
gründen, ohne den bogenlangen, auf breiter dogmen- 
geschichtlicher Grundlage ruhenden Zeitschriftenaufsatz 
älteren Stils schreiben zu müssen. In solchen kurzen Auf- 
sätzen war Dernburg Meister. Immer sind es Gegenstände 
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von hervorragender praktischer Bedeutung, welche Dernburg 
zu einer derartigen Arbeit anregten; und man liest diese 
Artikel nie ohne die Empfindung, daß sie aus einem um 
die Gerechtigkeit wahrhaft besorgten Herzen geschrieben 
sind. Die Besorgnis um den notwendigen Rechtsschutz 
drückte Dernburg die Feder in die Hand, um auszuführen, 
der elektrische Strom sei eine Sache 6ß ) oder zu wohlwollender 
Auslegung der Testamente zu mahnen, und vor Oberspannung 
der Formerfordernisse der Testamente zu warnen. 56 ) »Die 
Entscheidung tut einen tiefen Griff in das Vermögen der 
Grundbesitzer« so sprach Dernburg, 67 ) als das Reichs- 
gericht angenommen hatte, daß es zur Umwandlung des 
gemeinschaftlichen Eigentums zur gesamten Hand an einem 
Nachlaßgrundstück in Miteigentum der Erben der Auflassung 
bedürfe, woraus denn sich ergab, daß Kosten und Stempel 
nach dem vollen Werte des Grundstücks zu berechnen 
wären. Der Schutz der Grundbesitzer gegen solche un- 
berechtigte Inanspruchnahme war der Anlaß seiner Opposition. 
Die Sorge um die Lauterkeit des Rechtslebens trieb ihn, 
sein gewichtiges Wort für die Bewegung einzusetzen, welche 
durch Anwendung des Satzes von der Haftung für einen 
vorsätzlich wider , die guten Sitten zugefügten Schaden die 
Rechtskraft der Urteile korrigieren möchte. 68 ) 

Mit guten Gründen trat Dernburg der Ansicht des 
Reichsgerichtes entgegen, daß nach heutigem Rechte dem 
durch öffentliche Verbreitung nachteiliger Tatsachen Ver- 
letzten kein zivilrechtlicher Anspruch auf Widerruf zustehe. 
Im wirksamen Schutz der Ehre stehe Deutschland, so führte 
er aus, gegen andere Kulturnationen zurück. Um so 

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dringender sei es geboten, daß die Praxis die Schutzmittel, 
welche das Zivilrecht gewähre, nicht verkümmere und sich 
nicht durch die weichherzige Erwägung von ihnen abhalten 
lasse, daß in ihrer Anwendung eine Demütigung des Be- 
leidigers liege. 69 ) 

Der bekannten Lehre Staubs von den positiven Ver- 
tragsverletzungen hat Dernburg zunächst Widerstand ent- 
gegengesetzt, 60 ) dann aber anerkannt, daß, wenn es gelänge, 
das von Staub befürwortete, von dem Reichsgericht aner- 
kannte Rücktrittsrecht wegen einer den Vertragszweck ge- 
fährdenden Vertragsverletzung näher zu umgrenzen, hierin 
ein Fortschritt der deutschen Rechtswissenschaft liegen 
könne. 61 ) 

Die Ausführung Dernburgs, daß die Gegenstände, 
welche einem von der Frau selbständig betriebenen Ge- 
schäft bestimmt sind, als Vorbehaltsgut zu betrachten seien, 
— in freier Auslegung des § 1366 B. G. B.; es handelt 
sich um weite Fassung des Begriffes der zum persönlichen 
Gebrauch der Frau bestimmten Sachen — ist sehr be- 
achtenswert 68 ) 

Wo aber Dernburg die Gerechtigkeit des Ergebnisses es 
zu fordern schien, konnte er, der so oft die Worte des 
Gesetzes zugunsten des gerechten Ergebnisses zurücksetzte, 
sich gelegentlich auch fest an das Gesetzeswort klammern. 
Ist ein Gatte für tot erklärt, während er in Wahrheit noch 
lebt, und geht der andere Gatte eine neue Ehe ein, so ist 
bekanntlich diese gültig, wenn nicht beide Gatten der neuen 
Ehe wußten, daß der für tot Erklärte die Todeserklärung 
überlebt habe; aber jeder Gatte der neuen Ehe kann sie 
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anfechten, es sei denn, daß er bei Schließung der zweiten 
Ehe von dem Fortleben des Verschollenen Kenntnis hatte. 
Was wird aus der ersten Ehe, wenn die zweite angefochten 
wird? Die herrschende Meinung geht dahin, die erste 
Ehe werde wieder hergestellt, oder es habe sich nun her- 
ausgestellt, daß sie nicht aufgelöst worden war. Dernburg 
aber erklärt: »Mit der Schließung der neuen Ehe wird 
die frühere aufgelöst, das ist unbedingt im Gesetz ausge- 
sprochen und muß auch unbedingt angewandt werden.« 
Die spätere Anfechtung kann daran nichts ändern. 68 ) Die 
herrschende Meinung fußt auf der Betrachtung des § 1348 
B. G. B. im Zusammenhange mit den allgemeinen An- 
schauungen des Bürgerlichen Rechtes über Anfechtung 
und Nichtigkeit Dernburgs scheinbare Buchstabentreue 
hat ihren tieferen Grund in dem Bestreben, ein nach 
seiner Überzeugung praktisch unerträgliches Ergebnis ab- 
zuwenden. Er geht mit Recht davon aus, daß bei den 
heutigen Verkehrsverhältnissen, bei den heute zur Verfügung 
stehenden Mitteln, Nachricht in die Heimat gelangen zu 
lassen, der mit Unrecht für tot erklärte Gatte regelmäßig 
ein Vagabund sein werde, der in sträflichster Art die Gattin 
verlassen und ihr Nachricht von seinem Leben und Aufent- 
halt vorenthalten habe. Er will es verhindern, daß im 
Sinne der herrschenden Meinung durch die Anfechtung der 
zweiten Ehe die Gattin einem solchen unwürdigen Subjekt 
wieder in die Arme geworfen werde. Gewiß edle Gründe; 
allein ausreichend sind sie nach meiner Überzeugung nicht, 
und es darf darauf hingewiesen werden, daß, wenn der 
Fall so liegt, wie ihn Dernburg denkt, die Verlassene durch 

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Klage auf Ehescheidung wegen Zerrüttung des ehelichen 
Lebens durch schweres Verschulden des anderen Teils den 
von Dernburg befürchteten Folgen zu entgehen in der 
Lage ist 64 ) 

Zum besseren Schutz der Erfinder verlangte Dernburg 
in dem ersten Artikel des Jahrgangs 1907 der deutschen 
Juristenzeitung Herabsetzung der Patentgebühren und ge- 
setzliche Verpflichtung dessen, der das Patent erworben 
hat, dem wahren Erfinder eine Rente vom Gewinn zu 
zahlen, und ihm die Urheberschaft der Erfindung schrift- 
lich zu bezeugen. Dies war sein letzter Aufsatz. 

Blicken wir zurück und suchen wir Dernburgs Eigen- 
art zusammenzufassen. In der Form ist er ein unüber- 
troffener Meister: lichtvoll und elegant, von erfrischendem 
Humor — man erinnere sich, wie er den hungrigen und 
durstigen Quiriten schildert, der müde vor dem Gasthaus 
liegen bleibt, bis der Wirt die ausdrückliche Haftung für 
das Gepäck übernimmt 65 ) - gelegentlich burschikos -r so 
wenn er der Unbeachtlichkeit einer auf ungehörigem Wege 
angebrachten Willenserklärung die Fassung gibt: man müsse 
sich ein solches unkommentmäßiges Verfahren nicht ge- 
fallen lassen 66 ) - in der Polemik im allgemeinen urban, zu- 
weilen aber auch kräftig und von schneidender Ironie. 

Vom Historischen ausgehend, ist der Verewigte früh 
mehr und mehr zum Dogmatiker geworden, für den das 
Historische nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck 
der Erkenntnis des Gegenwärtigen ist, der aber die Be- 
deutung des Geschichtlichen in dieser Funktion niemals 
verkannt oder mißachtet hat Das Juristisch-Technische "hat 
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für Dernburg immer nur ein untergeordnetes Interesse gehabt. 
Ihn interessierte das Recht als eine Lebensordnung, von 
der das Wohl und Wehe der Menschheit abhängt, und 
was ihn im Einzelnen anziehen sollte, mußte eine klar er- 
kennbare praktische Bedeutung haben. Mit klarem Blick 
für das Oerechte und warmem Herzens für die Gerechtig- 
keit, mit umfassender Erfahrung und Einsicht in wirtschaft- 
lichen Dingen, tritt er an die Aufgaben der Rechtswissen- 
schaft heran. Dem Satz: »Das Recht ist mehr als ein 
Aggregat toter Regeln, vielmehr ein lebendiger Organismus, 
bestimmt wirtschaftlichen, sozialen, ethischen Bedürfnissen 
tu dienen, ein Organismus, an dessen Fortbildung die 
Rechtswissenschaft mitzuarbeiten berufen ist," 67 ) diesem 
Satz, den er in harter Fehde zu verteidigen hatte, 68 ) ist er 
niemals untreu geworden. In seiner Berliner Rektoratsrede 
über die Bedeutung der Rechtswissenschaft für den modernen 
Staat 69 ) hat er ihn kraftvoll ausgeführt. Es ist ebenso be- 
kannt, daß Dernburg hier unsere großen Muster, die rö- 
mischen Juristen, vollkommen auf seiner Seite hat, wie 
jedermann weiß, daß im 19. Jahrhundert lange Zeit jene 
Anschauung für eine arge Ketzerei gegolten hat Das ist 
anders geworden. Und daß es anders wurde, darum hat 
Dernbürgs Lebensarbeit ein großes Verdienst Jetzt ist es 
sogar dahin gekommen, daß die Besonnenen gegen krasse 
Übertreibungen jener Anschauung sich wenden müssen. 
Dernburg hat diesen Übertreibungen im Jahre 1906 70 ) 
eine klare Absage geschrieben und seinen Standpunkt posi- 
tiv dahin .formuliert: »Das Deutsche Reich und die deut- 
schen Staaten erlassen ihre Gesetze zu dem Zweck, einen 

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Rechtszustand herzustellen, welcher dem Wohl der Gesamt- 
heit, insbesondere auch den wirtschaftlichen Verhältnissen 
innerhalb des Volkes entspricht Wir dürfen daher grund- 
sätzlich als Staatswillen unterstellen, daß die Gesetze von 
den Behörden und insbesondere den Gerichten, vor allem 
aber dem Reichsgericht, in diesem Sinne gehandhabt werden. 
Wenn wir so bei der Auslegung der Gesetze verfahren, 
handeln wir, dessen dürfen wir sicher sein, im Sinne der 
Gesetzgeber und wahren ihren Willen; es ist das Treue 
gegen das Gesetz, nicht dessen Hintansetzung. Damit 
schließen wir aus, daß dem Leben und Verkehr feindliche 
oder veraltete Grundsätze die Gesetze überwuchern und 
das wahre Recht verderben. Ich verkenne nicht, daß Wissen- 
schaft und Praxis bei solcher Art der Gesetzesauslegung 
eine schwere, nicht immer zweifelsfreie Arbeit zu vollbringen 
haben; aber nur auf diesem Wege begegnen wir der Ge- 
fahr der Verkümmerung unseres Rechtes, verhüten seine 
Verknöcherung und können ohne stoßweise fortgesetzte ge- 
setzgeberische Experimente das deutsche Recht auf der Höhe 
erhalten!« 

Eine für jeden Fall des Zweifels helfende Formel für 
die Stellung des Richters zum Gesetz bietet Dernburg da- 
mit nicht, aber eine solche Formel - mag man auch über 
diejenige Dernburgs hinaus kommen können - wird sich 
schwerlich jemals aufstellen lassen. Es liegt in unserer 
Wissenschaft, so wenig es viele glauben wollen, ein un- 
logisches Element Es ist oft gesagt, und doch muß es 
wiederholt werden, daß Dernburg die innerste Kraft seines 
eigenen Geistes enthüllte, indem er aussprach, 71 ) daß der 
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Verstand in der Rechtswissenschaft der Ergänzung durch 
die Phantasie bedarf. Phantasie ist eine ohne Verstandes- 
gründe arbeitende schöpferische Kraft Diese Kraft hat 
Heinrich Dernburg zu dem gemacht, was er der deutschen 
Wissenschaft war. Er war ein Mann, von dem wie von 
M. Antistius Labeo gesagt werden darf: ingenii qualitate et 
fiducia doctrinae plurima innovare instituit 

Bis zu einem Alter, das nur wenigen Sterblichen zu 
erreichen beschieden ist, und das denen, die es erreichen, 
oft nur schwere Bürde wird, hat Heinrich Dernburg in 
unablässiger Arbeit am Werke der Wissenschaft und, wie 
er sie faßte, an der Fortbildung des Rechtes schaffen dürfen. 
Wenn in den letzten Jahren Mahnung des Arztes ihn zur 
Beschränkung der Arbeit veranlassen wollte, so hat er ge- 
antwortet: »Wenn ich nicht mehr arbeiten soll, so will ich 
auch nicht mehr leben.« Seine Vorlesungen hat er in den 
letzten Jahren eingeschränkt, aber doch noch Semester für 
Semester fortgesetzt Auch für das gegenwärtige Halbjahr 
hatte er noch Vorlesungen angekündigt, allein unerbittliches 
ärztliches Gebot zwang ihn, sie vor Beginn des Semesters 
abzusagen. Aber dies ward dem großen Juristen zu teil, 
bis zu seinem letzten Lebenstage zur wissenschaftlichen 
Arbeit rüstig zu bleiben. Noch am Nachmittage vor seinem 
Hinscheiden hat er an seinem Werke über das Bürgerliche 
Recht geschrieben, und ohne Todeskampf ist er in der Frühe 
des 23. November 1907 hinübergeschlummert Sein Leben 
war von schweren Schicksalen heimgesucht Er verlor früh 
die geliebte Gattin, verlor den erwachsenen Sohn und sah 
beide Töchter den Witwenschleier nehmen. Aber er fand 

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in sich die Kraft, Schweres und Schwerstes zu überwinden. 
In seiner Arbeit, in Liebe und Qüte gegen andere erhob 
er sich über sein Leid. Heiter und liebenswert, so steht 
sein Bild vor unserem Auge, und so wird es dauern. 

Was er der Berliner Juristen-Fakultät war* v über ein 
Menschenalter hinaus der treueste Helfer und Berater, der 
versöhnlichste Mittler, der zuverlässigste Vorkämpfer ihrer 
Selbständigkeit", ist ihm von einem Manne bezeugt worden, 
der es dreifach länger miterlebt hat als ich. 72 ) . 

t Auch unserer Gesellschaft war er ein allverehrtes Mit- 
glied. In früheren Jahren hat er mehrmals der Gesellschaft 
Vortrag gehalten - über die Frage, ob Handelsgesetzbuch 
oder Handelsgewerbegesetzbuch, zum Gedächtnis Wächters 
und über die Gestaltung der Korrealhypothek 73 ) - und 
oft in die Diskussion eingegriffen. In den späteren Jahren 
erschien er nicht häufig, aber immer mit besonderer Freude 
begrüßt 

Nun ist er von uns genommen, nahe den Achtzig und 
doch viel zu früh. , 

Wir trauern um ihn. Aber, was mehr ist, wir be- 
wahren im Herzen sein Gedächtnis in Liebe und Verehrung, 
in Dankbarkeit um der reichen Gaben willen, die er uns 
geschenkt, und die wir als ein teures Vermächtnis zu be- 
wahren haben. 

Heinrich Dernburgs Andenken wird in Ehren stehen, 
so lange nicht die Spuren der delutschen Rechtswissenschaft 
verweht sind. 

• •'* i 

i • • * ■ - • . 

* 

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Anmerkungen. 

*) Seinem lieben Vater- und Lehrer widmete Dernburg seine 
Kompensation . 

*) Vormundschaftsrecht, Vorwort zur zweiten Auflage. 

■) Die emtio bonorum. Ein rechtshistorischer Versuch. Heidel- 
berg 1850. Vgl., das. S. 7, 13 fg. f 80 fg., 154. 

*) Heidelberg 1852. Vorwort vom 1. Dez. 1851. 

6 ) Die Reform der juristischen Studienordnung. Berlin 1886. 
Vgl. das. S. 17. 

e > Das. S. 18. 

0 Das. S. 22 fg. 

«) Die Institutionen des Qajus. Ein Kollegienheft aus dem 
Jahre 161 nach Christi Oeburt. Halle 1869. Festschrift der Juristen- 
fakultät Halle für Wächter. S. das. S. 36 fg. 

9 ) Gehalten am 21. März 1894. In zwei Auflagen gedruckt 
Berlin 1894. Die zweite mit einem Nachwort zur Abwehr von 
Angriffen, die Dernburg erfuhr, weil er für die fakultative Zivilehe 
eingetreten war. S. das. S. 37. 

10 ) Die Gedächtnisrede von Seckel erschien Halle 1908. 

") Die Kompensation nach römischen Rechte mit Rücksicht 
auf die neueren Gesetzgebungen. Heidelberg 1854. Zweite Auflage 
1868. Die Entwickelung der Kompensation s. im ersten Buche. 
Über ipso jure compensatio §§ 28 fg. der ersten, §§ 33 fg. der 
zweiten Auflage. 

,a ) Pandekten II, § 62, Anm. 7. Gaj. IV, 63. 

,a ) Appleton histoire de la compensalion en droit Romain. 
Paris 1895. S. 428 fg. 

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« ... . I I I . -., " ■ 

") C J. IV 31, 14. 

**) Kompensation, erste Auflage, § 74 fg., zweite Auflage, 
§ 62 fg., Pandekten II, § 62. 

ie ) Rede, gehalten beim Antritt der Professur des gemeinen Zivil- 
rechts an der Universität Zürich den 18. Nov. 1854. Zürich 1854. 
In der Heidelberger kritischen Zeitschrift, die Dernburg mitheraus- 
gab, stehen B. I— IV (1853—1857) manche Rezensionen von seiner 
Hand, z. B. über Kellers Zivilprozess (I S. 456 fg.), Bekkers pro- 
zessualische Konsumtion (II S. 339 fg.), Mommsens Stadtrechte von 
Salpensa und Malaca (III S.74 fg.), Bährs Anerkennung (III S.496 fg.) 

") Entwickelung und Begriff des juristischen Besitzes des 
römischen Rechtes. Halle 1883. 

lf ) Das Pfandrecht nach den Grundsätzen des heutigen römi- 
schen Rechtes. Zwei Bande. Leipzig 1860, 1864. 

"■) Vorrede S. IV. 

w ) Vorrede S. V fg. 

") S. VI. 

") I S. 219 fg. 

M ) Pandekten I, § 261, Anm. 2. 
**) Pandekten I, § 249, Anm. 8. 
*) I §§ 67 bis 71. 

»•) Windscheid, Pandekten I, § 242, Anm. & Vgl. §225, 
Anm. 7. 

") B.O.B. 1204, Abs. 2. 1209. 
~) I § 32. 

*•) Pandekten I, § 259, 3. 
"°) IV § 78, Anm. 4. 

S1 ) Rechtsgutachten über den zwischen den Kantonen Basel- 
Landschaft und Basel-Stadt obwaltenden Streit bez. der Festungs- 
werke bei der Stadt Basel mit Rücksicht auf die Lehre von un- 
öffentlichen Sachen. Halle 1862. 

") Iherings Gutachten von 1862 ist wiederabged ruckt 
Vermischte Schriften S. 103 fg. S. das. S. 143 fg. 

") Eisele über das Rechtsverhältnis der res publicae in pu- 
blice- usu. nach r. R. Basel. Progr. 1873. 
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") O. Mayer, Verwaltungsrecht II S. 68 fg., Archiv für 
öffentliches Recht XVI S. 38 fg. 
») Anm. 8. 

**) Untersuchungen üher das Alter der einzelnen Satzungen 
des prätorischen Edikts. In den genannten Festgaben S. 91 fg. 

* T ) Kariowa, Römische Rechtsgeschichte I S. 467 fg. Anm. 4. 

M ) Das ist der Hauptpunkt, den Kariowa nicht beachtet hat. 

w ) Grünhuts Zeitschr. XI S. 335 fg. — Über die Schuldüber- 
nahme durch den Erwerber einer verschuldeten Liegenschaft schrieb 
Dem bürg 1893 im Österreich. Zentralblatt für die jurist. Praxis, 
XI S.lfg. 

«•) 3 Bde. Berlin, zuerst 1884 bis 1887. Siebente Auflage 
unter Mitwirkung von Biermann. 1902. 1903. 

**) Thomasius und die Stiftung der Universität Halle. Rede, 
gehalten beim Antritt des Rektorats der Universität Halle -Witten- 
berg am 12. Juli 1865. Halle 1865, vgl. S. 16 fg. das. 

**) 3 Bde. Halle, zuerst erschienen 1870—1879. Bd. I. 
Fünfte Aufl. 1894. Bd. II. Fünfte Aufl. 1897. Bd. III. Vierte 
Aufl. 1896. 

«•) Vorrede zu Bd. I, Abt. II. 

") Stenographische Berichte des Herrenhauses v. 13. III. 1875, 

S.74. 

**) Das Vormundschaftsrecht der preußischen Monarchie nach 
der Vormundschaftsordnung vom 5. Juli 1875. Berlin u. Leipzig. 
Erste Auflagen 1875, zweite 1876, dritte bearbeitet von Schultzen- 
stein 1886. 

4e ) Deutsches Hypothekenrecht, herausgegeben von v. Meibom. 
VIII: Dernburg u. Hinrichs, Das preußische Hypothekenrecht. 
Leipzig 1877. 1891. 

* 7 ) Gierke, Deutsche Juristenzeitung XII (1907) Sp. 1339. 

*■) Stenogr. Ber. S. 168 fg. 

*•) Verhandlungen des 19. deutschen Juristentages. IV, S. 94 fg., 
S. 105 fg., 305 fg. Verh. des 20. deutsch. Juristent. IV, S. 176 fg., 
238 fg., 434 fg. 

*•) Gesprächsweise. 

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") Persönliche Rechtsstellung nach dem bürgerlichen Gesetz- 
buch. Berlin 1896. 
M ) S. 5 fg. 

") Deutsche Juristenzeitung X (1905) Sp. Ifg. Der Titel des 
Werkes ist: Das bürgerliche Recht des deutschen Reichs und 
Preußens. 

") (Halle.) Es liegen jetzt vor: Bd. I dritte Aufl. 1906. 
Bd. II dritte Aufl. 1. Abt. 1905. 2. Abt. 1906. Bd. III vierte Aufl. 
1908 mit Vorrede vom 27. Okt. 1907. Bd. IV dritte Aufl. 1907. 
Bd. V zweite Aufl. 1905. 

u ) Deutsche Juristenzeitung I (1896) S. 473 fg., II (1897) 
S. 76 fg. 

* 6 ) Deutsche Juristenzeitung IX (1904), Sp. 1 fg. 

•O Zeitschr. f. Rechtspflege in Bayern I (1905), S. 33 fg. 

**) Deutsche Juristenzeitung X (1905), Sp. 465 fg. 

69 ) Juristische Wochenschrift XXXIV (1905), S. 161 fg. 

w ) Deutsche Juristenzeitung VIII (1903), Sp. 1 fg. 

61 ) Bürgerl. Recht II, 1 (3. Aufl.), § 98 n. E. — Noch zu 
nennen: Erhaltung der Einreden wegen Mängel mittels Anzeige 
des Käufers nach § 478 B. O. B., Recht VII (1903), S. 137 fg. (Die 
Anzeige muß erkennen lassen, daß der Käufer sich die Leistung 
nicht gefallen lassen will.) 

6 ») Deutsche Juristenzeitung VII (1902) Sp. 465 fg. 

es ) Wiederverheiratung im Falle der Todeserklärung eines 
Gatten, in der Festschrift für den XXVI. Deutschen Juristentag. 
Berlin (Guttentag) 1902, S. 1 fg. 

") Vgl. Reichsgericht IV. Sen. 28. Febr. 1901. Gruchot XLV 
S. 633 fg. 

M ) Pandekten II § 39 Anm. 3. 

w ) Bürgerliches Recht I § 132 zu Anm. 13. 

6T ) Preußisches Privatrecht I §313 Anm. 1. 

**) Man sehe Eccius in Foerster-Eccius, preuß. Privatr. I 
§ 8, S. 28 (7. Aufl.). 

*") Antrittsrede am 15. Okt. 1884. — Dernburgs Rede am 
3. Aug. 1885 behandelt: König Friedrich Wilhelm III. und Suarez. 



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Als Berliner Rektor gab Dernburg auch heraus: Die Königliche 
Friedrich-Wilhelmsuniversität Berlin in ihrem Personalbestande seit 
ihrer Errichtung Michaelis 1810 bis Michaelis 1885. Berlin 1885. 

1V ) Bürgerliches Recht. Vorrede zur dritten Auflage von 
Band I. 

M ) In dem Vortrag über die Phantasie im Recht (vgl. Anm. 9). 
") Gierke, Deutsche Juristenzeitung XII (1907) Sp. 1342. 
7> ) Der erste Vortrag 1876, der zweite 1880 (Carl Georg 
v. Wächter. Halle 1880), der dritte 1890. 




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1 



Druck von Fr. Richter, O. m. b. H., Leipzig. 



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A. Deicherf sehe Verlagsbuchhandlg. Nachf. (Oeorg Böhme), Leipzig. 



Geschichte der Quellen 

des 

Römischen Rechts. 

Von 

Dr. Theodor Kipp. 

Zweite umgearbeitete Auflage. 

Mk. 3.50, geb. Mk. 4.25. 



Wer kann 

nach deutschem bürgerlichen Recht 

mit 

Vermächtnissen belastet werden? 

Von 

Dr. Theodor Kipp. 

Mk. 1.20. 



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